Mittwoch, Juli 25, 2007

Von moderen Königen und ihrem Geiz, modernen Waldgeistern und den Fragen eines lesenden Arbeiters

Auch wenn so manch einer von uns der Ansicht ist, Könige leben nur in den alten Märchen und Sagen unserer Vorfahren fort, so ist es dennoch eine Tatsache: Totgesagte leben länger. Moderne Könige heissen heute nicht Arthus oder Drosselbart sondern schlicht Kunde und werden von zahlreichen Marketendern heiss umworben.
Darstellende vom Stamme Marketing, welche der König Kunde zu seinem ersten Berater auserkoren hat, erfanden vor nicht all zu langer Zeit (ich gebe zu, das ist natürlich sehr relativ) den Spruch "Geiz ist Geil". König Kunde hat es offenbar nun auch begriffen, was der hofeigene Berater vom Stamme Marketing ihm damit sagen wollte: Preise runter für alle Waren und Dienstleistungen.
Ebenso wie in alten Märchen aber gibt es auch heute noch die Waldgeister, welche weder von den Königen noch vom marketenderen Volke selten warhaftig gesehen wurden. Diese Waldgeister haben heute nur einen moderneren Namen und nennen sich "Aktionäre". Das mit dem warhaftigen sehen mag sicher auch daran liegen, daß so manch ein König Kunde und auch mancher Maketender im geheimen zweiten Leben selbst ein solcher Aktionär ist. Die Aktionäre sehen das mit dem geilen Geiz natürlich nicht unbedingt so gern, da durch die von der Veräußerung besagter Waren und Dienstleistungen erzielten Einnahmen letztlich sinken.
Weil aber die Waldgeister auf besagte Einnahmen nicht verzichten wollen, folgen sie naturgemäss auch nicht immer den Wünschen der modernen Könige und senken die Preise nicht überall, besonders dort nicht, wo sie wissen, daß König Kunde ja eh zahlt, weil er anders gar nicht kann. Das geschieht vor allem dort, wo es um Essen und Wohnen sowie Energie beziehen für Kochen, Backen und Heizen geht. Den Waldgeistern aber interessiert das nicht, sie wollen vor allem Kasse machen und lassen sich schon mal so einiges an Verwandlungskünsten einfallen. In der jüngsten Zeit so scheint es wohl, tarnen sie sich als Unternehmensvorstand oder gar Gewerkschaftsboss. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, weisen sie ihre Marketender an, Telfonleitungen unentstört und Züge in Bahnhöfen unabgefahren zu lassen und sagen, sie tun das nur, damit die fleissigen Marketender künftig besser entlohnt werden. Ein anderer Teil der Waldgeister ist darüber dann selbstredend sehr verärgert und teilt uns allen mit, das nun durch die entfallenen Einnahmen, die Marketender nicht besser entlohnt werden könnten. Dem König Kunde aber überbringen sie die Botschaft, das weitere Preisssenkungen nun auf Grund der Arbeitsverweigerung von unzähligen Marketendern ebenfalls nicht drinn seien.
Da aber König Kunde derzeit schon sehr geil vor Geiz geworden ist, beschimpft er zunehmend gern die arbeitsverweigernden und auch die arbeitenden Marketender und nennt sie Abzocker. Dies macht ihm besonders viel Freude, wenn er dazu Servicehotlines benützen kann. Hier kann er seinen Unmut gleich vom bequemen Sessel aus posaunen und die Abzocke auch gleich mit den zu erwartenden Kosten für die Hotline belegen.
Es ist also eine sehr verworrene und scheinbar undurchsichtige Geschichte, die uns da celebriert wird. Sicherlich fühlte sich zu Zeiten von Berthold Brecht genauso ratlos der lesende Arbeiter, als er seine Fragen zu Papier brachte. Offenbar aber, ist es eine unendliche Geschichte, diese Geschichte.

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