Dienstag, Juni 11, 2013

Die "Olympischen (Wirtschafts) Spiele der Neuzeit" - jeden Tag und überall der gleiche Wahn

"Ich arbeite, also bin ich?" So beginnt die Beschreibung zu einem Buch von Förster und Kreuz mit dem etwas provokanten Titel: "Hört auf zu arbeiten!: Eine Anstiftung, das zu tun, was wirklich zählt" - Was aber GENAU ist ARBEIT? Oder besser: WANN ist TÄTIGKEIT eigentlich ARBEIT? Und dann auch: Was zählt WIRKLICH?
Ich habe meine berufliche Tätigkeit in den vergangenen ca 72 Monaten eigentlich nie in dem bisherig definierten Sinne als Arbeit empfunden. Obwohl sie genau auf unsere Arbeitsdefinition zutrifft: regelmäßige Erwerbstätigkeit mit mehr als 30 Stunden in der Woche, Sozialversicherungspflicht, Lohnsteuer wird gezahlt usw. Gern darf es dann auch immer: "ein wenig mehr sein"

"Wirtschaftswachstum ist das alte und neue Zauberwort, mit dem sich angeblich jede Krise lösen lässt" lese ich in der Kurzbeschreibung zu "Wie viel ist genug?: Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens." von Skidelsky. Führt etwa Nicht-Wachstum zu Krisen? Also nur das permanente "Schneller - Höher - Weiter" der Wirtschaft [und natürlich auch selbstredend im privaten Alltag] bewahrt uns demnach vor genau solchen Krisen? 
Jahrelang haben wir alle in trauter Gemeinsamkeit "Die Müßiggänger schiebt beiseite - diese Welt muss unser sein" gesungen. Müßiggang ist oft gleich auch Faulheit oder bei ALG II - Bezug letztlich sogar Dekadenz eines Teiles des Wahlvolkes - zumindest nach Guido Westerwelle. Auch in der manchmal dann knappen Freizeit, also der Zeit, in der wir nicht ausschließlich einer Lohnerwerbstätigkeit nachgehen, darf es keinen Müßiggang oder gleichartiges geben. Selbst da haben einzig Tatendrang und Schaffensfreude uns zu beherrschen. In dieser Zeit wenigstens getreu nach dem Motto:"Sauberer unsere Gardinen und Fensterbretter!"

Fehlerfrei zu sein, perfekt zu funktionieren - diesen Anspruch stellen wir an alles um uns herum, an uns selbst mit eingeschlossen. In der Schule ab der ersten Klasse, in der Lehre, im Beruf, zu Hause, in der Familie - ICH, das muss die Perfektion in Permanenz sein: Auch im Outfit, zu jeder Gelegenheit perfekt gestylt. Bist Du DAS ALLES oder auch NUR EINES davon nicht, dann bist DU ein elendiger LOSER. Absoluter Versager eben. Das Ergebnis? Eine Summe von ausgebrannten Individuen, eine erschöpfte Gesellschaft eben. Das im Einzelnen und alles in Summe ist es wohl oder übel "Warum Deutschland neu träumen muss" Meint jedenfalls auch Stephan Grünewald

"Schneller - Höher - Weiter!" und "Unbedingt mit dabei sein ist alles!" Die "olympischen" Motto  der Wirtschafts- und Gesellschaftsspiele Made in Germany lauten so. Wer hier nicht so mitspielt, ist Außenseiter. Egal ob  Behindert, Krank, Hartz4 - in diesem System darfst Du dann nicht mehr Hammer sein, Du bist gefälligst nur noch Amboss. Und dieses System, nennen wir dann auch noch zivilisiert.

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